2012 bewusst(er)leben

5. Nacht der Religionen, 10. November 2012 in Bern

Ein Querschnitt durch die zahlreichen Veranstaltungen. Film von Christoph Klein.

Tief beeindruckend und Mut machend

Sie staunten. Ob der Farbigkeit im hinduistischen Tempel. Sie fragten kritisch nach. Bei den Mormonen. Sie gingen in sich, in einer buddhistischen Meditation. Sie liessen sich in Frage stellen. Bei den Herrnhutern und der Frage: "Wieviel Religion brauchen Sie?" So viele Möglichkeiten, so viele Erfahrungen, so viele Gedanken – unzählige Menschen befassten sich am vergangenen Samstag an der fünften Berner Nacht der Religionen mit Religion und Religionen – sie wollten diese getreu dem Motto der Nacht "bewusst(er)leben".

"An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen": gemäss diesem Bibelwort stellten sich Vertreter und Vertreterinnen der beteiligten Religionen zu Beginn der Eröffnungsfeier jeweils mit einer Frucht vor, die in ihrer Religion zentral ist: während Christen Aepfel von der Sorte "Berner Rose" brachten, zeigten Moslems die Bedeutung der Dattel auf, Hindus erzählten von der Symbolhaftigkeit der Kokosnuss, bei den Juden sind die Granatäpfel sehr wichtig…Gerda Hauck vom Haus der Religionen Bern hatte Erdnüsse bei sich, die sie als "Knacknüsse" verstand, die es zu öffnen gelte. Dass die Nacht der Religionen 2012 Früchte trug und weiterhin tragen wird, daran zweifelt aber wohl niemand, denn sie zog erneut Hunderte, vielleicht gar Tausende von Menschen in ihren Bann.

Vielfältig

Zu zählen sind sie nicht: nach der gemeinsamen Eröffnungsveranstaltung in den Räumen der Universität Bern, gestaltet vom Interkulturellen Buddhistischen Verein in einem überfüllten grossen Hörsaal, verteilten sich die Menschen an rund 16 verschiedene Standorte, wieder andere kamen erst dann dazu: in der Synagoge wurde "Lust auf Kosher" gemacht, in der christkatholischen Kirche durften man mit verschiedenen christlichen Konfessionen aus Afrika, Osteuropa, aber auch der Schweiz mitbeten. In Hindutempeln, aber auch in der Hochfeld-Moschee tauchte man in die Welt des Gottesdienstes anderer Religionen ein. In der Heiliggeistkirche erschallte der Ruf "Allahu akhbar", vorgetragen von einem Muezzin und abgelöst von einem Klagegesang des jüdischen Kantors. In diesen Minuten wurde die grosse Nähe der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam hautnah spürbar – und welch grosses Potenzial für den Frieden diese Gemeinsamkeit hätte… Vielen, auch sehr kritischen, Fragen stellten sich die Vertreter der Mormonen, die das erste Mal bei der Nacht der Religionen dabei waren. Mit vielen, und ebenfalls sehr kritischen, Fragen wurden hingegen die Besucher und Besucherinnen im Le Cap konfrontiert: "Wieviel Religion brauchen Sie? Beten Sie?"

Mut machend

Abgeschlossen wurde die Nacht der Religionen mit einem gemeinsamen Abendgebet der verschiedenen Religionen und dem Friedensgebet der UNO. Ein letzter Blick durch die volle Heiliggeist-Kirche liess nochmals erahnen, was da geschah: Frauen mit Kopftuch, Männer mit der jüdischen Kippa, Sikhs mit ihrer traditionellen Kopfbedeckung, Konfirmanden und Konfirmandinnen aus der Region, Klosterfrauen, Hindus, Buddhisten…sie alle beteten gemeinsam. Was am Samstag Abend in Bern erneut möglich wurde, war tief beeindruckend und Mut machend.

Besonders

Eine spannende Nacht um hinzuhören. Um zu staunen. Um Fragen zu stellen. Um Fremdes zu entdecken. Um Vorurteile abzubauen. Um Gemeinsamkeiten zu entdecken oder gar zu vertiefen. Um zu erfahren, dass Religion(en) so wichtig sind für uns Menschen. Und dass diese Religionen miteinander auf einer grossen Suche sind: nach dem, was uns Menschen trägt. Eine Nacht, die zu "bewusst(er)leben" ermutigte – auch im Alltag.

Fotos: Peter Feenstra